Die Klimakonferenz in Kopenhagen vom 7. bis 18. Dezember 2009 versetzte die Welt in Aufruhr. Viele erhofften sich aus wirtschaftlichen
Interessen keine wirksame Begrenzung des CO2-Ausstoßes, viele wiederum wünschten
sich drastische Reduktionsbeschlüsse. Beiden ist gemeinsam, dass große
Erwartungen an die Veranstaltung gerichtet wurden.
Wirtschaftswachstum vs. Klimaschutz
Wirtschaftswachstum und Klimaschutz vertragen sich nicht
besonders gut. Während die Weltwirtschaft fleißig gewachsen ist, sind auch die
CO2-Emissionen weltweit deutlich gestiegen. Obwohl Deutschland sich das Image
des Ökopioniers verpasst, sind die Pro-Kopf-Emissionen europaweit die höchsten.
Klimaschutzziele zu beschließen ist daher eine Sache, sie aber auch wirksam
umzusetzen, hätte einschneidende Konsequenzen für das Wachstumsdenken. Ich
warne also vor allzu großen Hoffnungen, solange der Glauben an
Wirtschaftswachstum ungebrochen ist. Dieser Glauben hat die bestehenden
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen über die Zeit abhängig vom
Wachstum gemacht. Eine politische Kursänderung
wird innerhalb der bestehenden Strukturen voraussichtlich nicht erfolgen;
eine Wirtschaft und Gesellschaft ohne Wachstum erfordert einen elementaren
Strukturwandel.
Die Konferenz wird ein Medienereignis sein, das sehr viel
Aufmerksamkeit erhalten wird, sowohl von den Befürwortern als auch von den
Gegnern der Klimaschutzziele.
Vielleicht werden ambitionierte Klimaschutzziele
beschlossen, ja sogar auch konsequente Sanktionen bei Nichteinhaltung. Sie
umzusetzen, ist jedoch nicht Sache der Politik. Dazu bedarf es einer
Veränderung in Wirtschaft und Gesellschaft, der bewussten Abkehr vom
Wirtschaftswachstum. Wir können noch so viel über Energieeinsparpotenziale und
Energieeffizienz reden, die Erfahrung zeigt, dass mit steigendem Wachstum die
Umweltbelastung ebenfalls zunimmt. In Bezug auf den Klimaschutz heißt das:
Solange die CO2-Emissionen nicht abnehmen, darf die Wirtschaft auch nicht mehr
wachsen.
Erst wenn die Emissionen auf ein klimaverträgliches Maß
gesunken sind, kann die Wirtschaft in dem Maße wachsen, wie die Emissionen
durch Einspar- und Effizienzmaßnahmen konstant bleiben. Bereits jetzt auf
diesen vermeintlichen Problemlöser zu verweisen, bedeutet tatsächlich, das
Problem nicht lösen zu wollen! Der ungebrochene Technik- und Fortschrittsglaube
zeigt sich in diesem Denken. Dabei ist es die Technik, die uns erst in die Lage
versetzt hat, unser Klima derart massiv zu schädigen. Hierbei neutral von
Klimawandel zu sprechen, ist eine rhetorisch erfolgreiche Verharmlosung des
Sachverhaltes. Die Wirkung des ressourcen- und emissionsintensiven Ausbeutungssystems
der globalen Wachstumswirtschaft ist ein „Geozid", die langfristige Vernichtung
von Leben auf der Erde, von Menschen, Tieren und Pflanzen zugunsten von
kurzfristigem Profit.
Selbst verursachte Abhängigkeiten
Dieser Zustand verlangt die Übernahme von Verantwortung.
Daher sind die Erwartungen an Wirtschaft und Politik hoch. Sie sollen für uns
das Klima retten und ihr Verhalten ändern. Damit klammern wir erfolgreich
unseren Eigenanteil aus. Wirtschaft und Politik verhalten sich in den
gegenwärtigen Strukturen rational, erzielen ihren persönlichen und
wirtschaftlichen Profit daraus. Ihr Interesse ist daher, möglichst nichts am
gegenwärtigen Zustand zu verbessern. Erst wenn sie ihren Blick erweitern, sich
vom selbst zerstörerischen materiellen Wachstumsdenken lösen, werden sie auch
zum Klimaschutz ihren Teil beitragen.
Sich durch die Medien unterstützt an die Politik zu
klammern, die eigenen Hoffnungen in ihren Schoß zu legen, festigt die
gegenwärtigen Strukturen von Macht und Abhängigkeiten. Der Glaube, irgendjemand
anderes könnte ein Problem für einen selbst lösen, gibt diesem Macht über einen
selbst und schafft eine selbst verursachte Abhängigkeit. Genau diese Abgabe von
Selbstbestimmung und Unabhängigkeit erzeugt das Gefühl von Ohnmacht und
Hilflosigkeit, selbst nichts ändern zu können. Dadurch werden die eigenen Fähigkeiten,
das eigene Potenzial geleugnet und verdrängt. Wir geben an die Politik unsere
Macht ab, machen uns von ihr abhängig und erwarten dann von ihr die Erfüllung
unserer Interessen.
Dieses Denken ignoriert die Macht und Freiheit des
Individuums, der Basis unserer Gesellschaft. Wir alle haben die gleiche Macht,
nutzen sie nur unterschiedlich. Indem viele ihre Macht an andere abgeben,
ermächtigen sie diese und fühlen sich gleichzeitig ohnmächtig.
Das bürgerlich-liberale Aufklärungsideal entdeckte einst den
Souverän im mündigen Individuum, das sich aber bis heute erfolgreich gewehrt
hat, diese Rolle auch wahrzunehmen. Das Verhalten der politischen und
wirtschaftlichen Führung sagt viel über das Verhalten der politisch und
wirtschaftlich Geführten aus. Wenn wir mit der Rolle der Führung unzufrieden
sind, müssen wir nur unsere eigene Rolle als Geführte ändern. Wo keine
Geführten sind, gibt es auch keine Führung. Damit plädiere ich nicht für
Anarchie, sondern für den Wechsel von der Fremdbestimmung zu Selbstbestimmung.
Wir haben gelernt, Experten zu vertrauen, die wissen und uns sagen, was gut für
uns ist. Das funktioniert nur solange, wie das Individuum unmündig ist und sich
nicht selbst vertraut. Doch Aufklärung ist die Befreiung aus der
selbstverschuldeten Unmündigkeit.
Strukturwandel durch Selbstbestimmung
In dieser Erkenntnis liegt das neue Denken für einen
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systemwechsel begründet. Wenn wir
selbst für uns die Entscheidungen treffen, die gut für uns sind, die nachhaltig
sind, schaffen wir ein neues System der Freiheit durch Mündigkeit anstatt der
Ohnmacht durch Fremdbestimmung. Indem wir dieselbe Aufmerksamkeit, die die
kommenden Worte von Kopenhagen genießen werden, uns selbst zukommen lassen,
können wir selbst Nachhaltiges gestalten. Durch die hohe Aufmerksamkeit, die
die politische Führung erhält, werden lediglich diejenigen ermuntert, diese
Positionen einzunehmen, die viel Aufmerksamkeit brauchen. Es etabliert sich ein
gegenseitiges System der Abhängigkeit und Fremdbestimmung. Ein wirklicher
Wechsel wäre, das Medienereignis zu ignorieren, selbst zu handeln und dadurch
neue Strukturen zu schaffen. Diese Selbständigkeit ist Lebensfreude - Freude,
die uns durch ein Leben in Arbeit und Abhängigkeit abhanden gekommen ist. Wir
haben das freudvolle Handeln durch freudlose Arbeit ersetzt.
Sorge gut für Dich selbst! Wähle nicht, welche Politik Dein
Leben bestimmt, sondern bestimme selbst für Dich! Wähle bewusst Deine Arbeit,
wähle bewusst Deine Kleidung, wähle bewusst Deine Ernährung, wähle bewusst, was
Du brauchst und besitzt! Misstraue den Entscheidungen anderer für Dein eigenes Leben,
aber vertraue Deinen Entscheidungen für Dein Leben und vertraue den
Entscheidungen anderer für ihr Leben. Der gegenwärtige Zustand ist lediglich
ein Mangel an (Selbst-)Vertrauen, bedingt durch die eigene Abgabe von Macht und
Selbstbestimmung. Aufklärung behebt den Mangel, sie gibt uns die innere Freiheit
und Lebensfreude zurück.
Link-Tipp:
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Timetable Klimakonferenzen
Auf der COP-16 soll der in Kopenhagen gescheiterte Versuch fortgesetzt
werden, ein rechtlich verbindliches Nachfolgeabkommen für das
Kyoto-Protokoll zu beschließen.
Dr. Daniel Sieben hat
über einen nachhaltigen Bewusstseins- und Verhaltenswandel promoviert, bei der
UmweltBank in Nürnberg gearbeitet und lebt jetzt als beratender Volkswirt auf
dem Boschenhof, einem Demeter-Betrieb bei Leutkirch im Allgäu.
Infos unter www.danielsieben.de
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