Die Ökobranche – in keinem anderen Marktsegment ändert sich die
Zielgruppe so schnell wie hier. Organische und ökologische Produkte
florieren, und dieser übergreifende Trend hat nichts mit der Ethik der
grünen Bewegung der 1970er und 1980er Jahre zu tun. Im Gegenteil: Bio
wird zum Mainstream. So ist die heutige Klientel äußerst heterogen. Im
Unterschied zu ihren Vorgängern – die oft eine tiefe Aversion gegen
modernes Design verspürten – haben die sogenannten Neo-Ökos eine klare
Affinität für das Schöne und Ästhetische – und dies zeigt sich nicht
nur in der Wahl des Inhaltes eines „grünen“ Produktes, sondern auch in
der seiner Verpackung.
So sind die Zeiten, in denen Umweltbewusstsein Askese bedeutete,
vorbei, und ein gesundes und verantwortungsvolles Leben ist zu einem
dominanten Lebensstil geworden. Eine besondere Rolle spielen dabei die
„LOHAS“ – Lifestyle of Health and Sustainability –, die sogenannten
Lifestyle-Ökos, die Spaß und Genuss nicht als Widerspruch zum
ökologischen Handeln, sondern als Ergänzung sehen und darum bemüht
sind, Genuss und gutes Gewissen zu vereinen. Denn: Öko ist schick
geworden, und das macht sich auch auf dem Markt bemerkbar. Der reagiert
erkennbar auf den Image- und Wertewechsel, das Angebot an grünen
Produkten wird immer größer und das Bewusstsein für das
Erscheinungsbild einer Marke auch immer wichtiger. Schön sollten die
Produkte aussehen, aber auch nachhaltig sein – doch dabei mag sich der
ein oder andere schon einmal die Frage gestellt haben, was Verpackungen
mit Nachhaltigkeit und der grünen Philosophie der verschiedenen
Unternehmen zu tun haben Schließlich haben sie nur eine kurze
Lebensdauer. Haben sie ihre Aufgabe erfüllt – Aufmerksamkeit zu
erregen, den Inhalt zu schützen, ihn sicher nach Hause zu bringen und
dort gegebenenfalls weiter zu verwahren – werden sie dann nicht zu
einem nutzlosen Abfallprodukt?
Verpackungen ungleich Abfall
„Ich sage gerne, lass den Abfall aus der Verpackung und die Verpackung
aus dem Abfall,“ erklärt Scott Boylston, Grafikdesignprofessor am
Savannah College of Art and Design und Autor des Buches „Designing
Sustainable Packaging“. „Gutes Verpackungsdesign kann auf beiden Seiten
des Spektrums wirken. Auf der einen Seite müssen Designer mit weniger
giftigen Materialien arbeiten, um den Anteil an Giftstoffen zu
verringern, die bei Materialherstellung und -verfeinerung entstehen.
Auf der anderen Seite müssen sie Verpackungen gestalten, die erst gar
nicht im Abfallstrom landen.“
Kompostierbare Materialien
Laut Boylston gibt es drei Ansätze, die dorthin führen. Zuerst einmal
sollte beim Entwerfen einer Verpackung an die biologische Abbaubarkeit
gedacht werden, sprich: Alle Materialien sollten kompostierbar sein.
Ein Beispiel dafür ist Pangea Organics mit seinen handgemachten
Seifenstücken. Diese verpackt der amerikanische Spezialist für
ökologische Gesichts- und Körperpflegeprodukte in einer aus recyceltem
Material hergestellten und 100 Prozent kompostierbaren Pappbox, die
Samen von Pflanzen wie Süßem Basilikum oder Amaranth enthält. Eine
andere Vorgehensweise ist das „Cradle-to-Cradle“-Prinzip – im Deutschen
auch als „Abfall ist Nahrung“-Prinzip bekannt. Hier werden alle
biologisch nicht abbaubaren Materialien so ausgewählt, dass sie später
wieder neu verwendet werden können, und sie dabei die Qualität eines
Neumaterials haben. Ein Beispiel ist Plastik, das durch innovative und
nachhaltige Methoden wieder anders eingesetzt werden kann. Das
amerikanische Sportbekleidungsunternehmen Patagonia stellt
beispielsweise bequeme Kleidung aus ausrangierten Plastikflaschen her.
Abfall ist Nahrung
Ein weiteres Beispiel ist die Firma Innocent Drinks, ein Hersteller von
Smoothies, der im Jahr 2009 von der Jury des LifeCare Food Awards für
sein Engagement in den Bereichen „Schonung von Ressourcen“ und
„Nachhaltigkeit“ ausgezeichnet worden ist sowie den Sonderpreis
„Unternehmen des Jahres“ erhalten hat. Aus dem Bemühen heraus,
Altplastik so neu zu verwerten, dass es für essbare Produkte wieder
genutzt werden kann, entstand die erste zu 100 Prozent recycelbare
Plastikflasche. Diese Neuerung bringt eine höhere Nachfrage an altem
Plastik mit sich, was wiederum weniger Plastikabfall bedeutet und die
Produktion von Neumaterial reduziert. Im Gegensatz zu der Kleidung, die
aus recycelten Flaschen entsteht, jedoch wahrscheinlich später auf der
Müllhalde landen wird, ist das Ziel der 100 Prozent recycelten und
recycelbaren Plastikflasche der kontinuierliche Kreislauf von neuen
Produkten mit einer fabrikneuen Vollständigkeit.
Nachfüllbare und eigenständige Produkte
Eine weitere Maßnahme, Verpackungen außerhalb des Abfallbergs zu
lassen, ist die der Mehrfachnutzung – dies aber mit dem gegebenen
Produkt. Der von dem New Yorker Designer Harry Allen entworfene
Lippenstiftbehälter der Serie Uruku von Aveda besteht zum Beispiel aus
recyceltem Aluminium und einem neuen Material, das aus recycelten
Kunstharz und Flachsfaser gewonnen wurde. Der Clou sind jedoch nicht
die wiederverwerteten Materialien, sondern die Möglichkeit, den
Lippenstift wieder nachzufüllen.
Ein anderer Weg ist die Gestaltung
eines wirklich eigenständigen Produktes. Den Weg geht unter anderem die
Kosmetikmarke 4mula und hat ihre Flaschen schon von vornherein so
gestaltet, dass sie ganz einfach ohne viel Aufwand wiederverwertet
werden können. Sind erst einmal die alten Etiketten abgezogen, können
die formschönen Flaschen für Krimskram wie Kleingeld, Knöpfe oder
Büroklammern benutzt werden.
Die ewigen Vorurteile
Dass Verpackungen möglichst unaufwändig und wie selbst gestaltet
aussehen müssen, um nachhaltig zu sein, ist ein noch häufig bestehendes
Vorurteil aus den Ur-Öko-Zeiten. Heutzutage bedeutet ein grüner
Auftritt nicht mehr einen dramatischen Einschnitt in der
Designqualität, sondern kann und sollte die Identität und Aussage des
Produkts verantwortungsvoll und zeitgemäß widerspiegeln. Denn die
Entscheidung, womit wir uns umgeben und wie das aussieht, spielt eine
große Rolle in unserer Gesellschaft, in der wir uns durch das, was wir
konsumieren, identifizieren.
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