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Grenzen des Konsums erreicht Drucken E-Mail

Stagnierende Reallöhne und ökologische Krise als Vorboten des Verzichts. Der Konsum der reichen Staaten ist nicht nachhaltig. Der Konsum als Lebensform der Moderne steht auf einem Scheideweg. Zu diesem Schluss kommt der Historiker Wolfgang König vom Fachgebiet Technikgeschichte der TU Berlin im Buch "Kleine Geschichte der Konsumgesellschaft".


Angesichts der häufigen Darstellung, dass der Konsument für Wohl oder Niedergang der Weltwirtschaft verantwortlich sei, müsse das Phänomen des Konsums besser untersucht werden. "Denn die Frage, ob sich das derzeitige Konsumverhalten noch beliebig verlängern lässt, muss mit 'Nein' beantwortet werden", so der Geschichtsforscher im pressetext-Interview.


www.philosophie.tu-berlin.de


Schon seit den frühen Hochkulturen gibt es Konsum, der weit über die Deckung von Grundbedürfnissen hinausgeht. War dieser jedoch früher stets Privileg reicher Oberschichten, entwickelte er sich in den USA der Zwischenkriegszeit erstmals zum Gesellschaftsphänomen. Als Grundvoraussetzungen dafür sieht König die Verfügbarkeit von Ressourcen und Bodenschätzen sowie eine höchst produktive Landwirtschaft. Für den entscheidenden Vorschub habe jedoch der Wohlstand breiter Bevölkerungsteile gesorgt. "Infolge eines großen Arbeitskräftemangels im 19. Jahrhundert stiegen die Löhne in den USA stark an und betrugen in den 1920er Jahren rund das dreifache der Löhne in Deutschland." Erst nach dem zweiten Weltkrieg seien die Voraussetzungen geschaffen worden, dass der Konsum heute in der ganzen industrialisierten Welt zur dominierenden Lebensform geworden ist. "Zwar lebt jeder dritte der globalen Konsumstarken in Entwicklungs- und Schwellenländern, doch bildet diese Gruppe dort eine Minderheit", so König.

Der Historiker sieht immer mehr Anzeichen dafür, dass Konsum in seiner heutigen Form an seine Grenzen gelangt ist. "Die ökologische Krise macht uns deutlich, dass unser konsumptiver Lebensstil kein global anwendbares Modell ist. Ein Viertel der Weltbevölkerung verbraucht derzeit drei Viertel der Ressourcen und erzeugt drei Viertel des Abfalls und der Emissionen." Die Reallöhne wie auch die Exportüberschüsse der Industrieländer stagnieren, was Verteilungskämpfe, politische Proteste und soziale Verwerfungen hervorruft. "Es gibt nicht mehr so viel zu verteilen", so König. Rechnerisch könnte ein globaler Ausgleich gelingen, indem das Konsumniveau der reichen Ländern abgesenkt wird. "In der Praxis zeigt sich jedoch, dass wir schwer zum Verzicht bereit sind. Zwar verzichten einige Wohlhabende auf das völlige Ausnutzen ihrer Konsummöglichkeiten, doch ist dies weniger als der Tropfen auf den heißen Stein. Der Konsumverzicht wird daher eher unfreiwillig geschehen, etwa durch Inflation oder durch das Sinken der Reallöhne."

Wie es in Zukunft weitergeht, versuchen mehrere Modelle zu prophezeien. "Illusorisch ist die Annahme, dass eine weiter entwickelte Technik den ärmeren Ländern ein hohes Entwicklungsniveau erlaubt, ohne dass wir etwas abgeben müssen. Auch die freiwillige Askese der reichen Länder scheint unmöglich. Wahrscheinlicher ist eine Kombination beider Ansätze." Die Gesellschaft befinde sich in einem Umbruch, den König in eine Reihe mit der neolithischen und industriellen Revolution stellt. "Alle großen Umbrüche werden allerdings nicht von Zeitgenossen, sondern erst ein halbes Jahrhundert später als solche erkannt. Derzeit sind wir noch nicht in der Lage, die Lage zu überblicken."

pressetext.de

 
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