Soziale Innovationen für eine zukunftsfähige Lebensweise
Side Story Konsum und Nachhaltigkeit ein Widerspruch?
Wie lässt sich dieser Widerspruch zwischen Wissen um den eigenen Ressourcenverbrauch und Sorge um die Umwelt einerseits und wenig nachhaltigem Konsumverhalten andererseits erklären? Die Frankfurter Soziologin Prof. Birgit Blättel-Mink betrachtet unterschiedliche soziokulturelle Milieus, die jeweils einem idealtypischen Lebensstil zugeordnet werden, in Bezug auf ihr Umweltbewusstsein und -verhalten. Dass unser Lebensstil die Ressourcen über alle Maßen beansprucht, ist durchaus bekannt. Doch nur eine Minderheit ist bereit, ihr Konsumverhalten nachhaltig zu ändern.
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Wir brauchen ganz dringend Entwürfe für positive, in vollem Sinne lebenswerte, ökologisch nachhaltige Lebensstile. Es gibt solche Entwürfe, und deshalb wird auch der Wandel nicht ausgeschlossen sein. Wir müssen den Wandel nur wirklich wollen. Alle sind dazu aufgefordert, dabei mitzudenken, diesen Wandel mitzugestalten und vor allem „katalytisch“ richtig auf den Weg zu bringen. Hans-Peter Dürr, Physiker, alternativer Nobelpreis 1987.
Gemeinschaften und Ökodörfer als experimentierende Lernfelder für sozial-ökologische Nachhaltigkeit. Im Zeitalter von Globalisierung, Wirtschaftskrise und immer noch nicht gelöster Ökologiekrise wird die Frage nach einer anderen Lebensweise brisanter. Was lässt sich dahingehend von Ökodörfern und sozial-ökologischen Gemeinschaften, die das schon lange versuchen, lernen? In der vorliegenden Forschungsarbeit wurden konstruktive Erfahrungen aus einigen ausgewählten Projekten herauskristallisiert: von gemeinsamen Entscheidungsfindungsprozessen über vertrauensvolle Nachbarschaft bis zur Basis kooperativer Wirtschaftsmethoden. Schließlich werden Prinzipien zukunftsfähiger Lebensweise abgeleitet, die sich in jeder Familie, Gemeinde, Kommune oder Firma anwenden lassen.
Obwohl seit mehr als 20 Jahren bekannt ist, dass die derzeitige abendländische Lebensweise ökologisch weder tragbar noch zukunftsfähig und sozial nicht gerecht ist, scheint sie sich mit der Globalisierung mehr denn je auszubreiten. Meadows et al. (1992) zeigten 1972 die Grenzen des Wachstums auf und das nicht-Nachhaltige der Industriegesellschaft wurde durch Umwelt- und Entwicklungsprobleme in zahlreichen Studien beschrieben. Einzelne Gesetze und Maßnahmen wurden umgesetzt, trotzdem bleibt der grundlegende, nicht-nachhaltige Trend weiter bestehen. Die gerade aufflammenden Diskurse um den Klimawandel zeigen, dass die Umweltproblematik sich zu einer selbst gemachten, globalen Bedrohung für die Menschheit auszuweiten droht. Allerdings geht es bei weitem nicht nur um die Bedrohung der natürlichen Lebensgrundlagen. In einem Zeitalter der Globalisierung, der Individualisierung und der kulturellen Auseinandersetzungen drängt die Frage der nachhaltigen Lebensweisen auf umfassender Ebene nach Beantwortung. Die Relevanz und die Ursachen dafür sind längst nicht vollständig erkannt und zahlreiche – wohl aber zu wenige – Forschungsvorhaben behandeln deren Analyse.
Während große Teile sozialwissenschaftlicher Umweltforschung mit Analysen über Ressourcen- und Energiekapazitäten oder Prognosen und Trendverläufen von Bedarfsrechnungen beschäftigt sind, um die negative, nicht-nachhaltige Entwicklung nachzuweisen oder einzudämmen und allenfalls in Appellen münden, wird allerdings noch weniger am anderen, positiven Ende der Frage, wie denn eine „nachhaltigere“, besser abgestimmte Lebensweise für die soziale Dimension aussehen könnte, geforscht. Die Gefahr sich idealistischer Utopien oder normativer Diskurse und Konstrukte zu bedienen und damit eher ideologisch und politisch zu argumentieren als wissenschaftlich zu forschen, scheint groß.
Radiointerview mit Dr. Iris Kunze über das Zukunftspotential von Ökodörfern
Iris Kunze: „Soziale Innovationen für eine zukunftsfähige Lebensweise. Gemeinschaften und Ökodörfer als experimentierende Lernfelder für sozial-ökologische Nachhaltigkeit.“ 200 Seiten. > Ecotransfer-Verlag münster Buch Shop
Verhaltensänderung oberste Priorität der Energiewende
Neben den anderen Vorträgen über Machbarkeitsstudien, technologische
Möglichkeiten und ökologische Bausteine für ein nachhaltiges Leben
beleuchtete der Vortrag von Dr. Iris Kunze, Soziologin an der
Universität Münster, „Soziale Schlüsselkompetenzen für das Gemeinsame“.
Die sehr wichtige und oft vernachlässigte soziale Dimension der
nachhaltigen Entwicklung und Lebensweise. Für Dr. Kunze, die persönliche
Erfahrung im Leben in einer Gemeinschaft hat, bildet eine
Verhaltensänderung der Menschen die breite Basis für die
Energiewende-Pyramide. Technische Effizienz ist wichtig und die Nutzung
erneuerbarer Energien dann die Spitze der Pyramide. Das heißt, Menschen,
die die Energiewende leben wollen, müssen unweigerlich ihr Verhalten
ändern und sich an neue Regeln in einer Gemeinschaft anpassen. Projekte
in Deutschland haben gezeigt: Nur 5% der in Gemeinschaften lebenden
Personen schaffen es, die ersten 5 Jahre durchzuhalten. Das
Zusammenleben in einer „International Community“ funktioniert eben nur
mit einer sehr solidarischen Alltagsgemeinschaft.
Wir, die moderne Industriegesellschaft, leben mit über 50%
Scheidungsrate zu fast 40% in Single-Haushalten und das zu 50% in
Großstädten. Die alten Gemeinschaften wurden aufgelöst und durch
Institutionen ersetzt. Wir können, sozialisiert als Konsumgesellschaft,
den Vereinnahmungen durch ökonomische Interessen kaum entkommen. Wir
haben zwar seit 25 Jahren ein starkes Umweltbewusstsein, aber kaum
tatsächliches Umwelthandeln. Das heißt, wir haben rational begriffen,
dass wir auf zu großem Fuß leben, aber keine Ahnung wie wir das ändern
sollen ohne Lebensqualität einzubüßen. Wir sollen unsere Konsumgüter,
unsere Mobilität und unseren Energieverbrauch beim Wohnen einschränken
und vegetarisch leben. Das klingt nicht mainstreamfähig und hat auch
bisher nicht funktioniert. Diesbezüglich sind die Internationalen
Gemeinschaften soziale Bewegungen und als solche Experimentierfelder,
die inzwischen erste Einblicke über lebbare Nachhaltigkeit liefern. Es
sind Laboratorien für sozial-ökologische und kooperative Lebensweisen.
Sozial-nachhaltige Schlüsselprinzipien
Gemeinschaft
heißt auch weg von einer Gesellschaft, die mit immer anstrengender
werdenden, irren Wettbewerbsbedingungen enorme Energien auf Teufel komm
raus verschlingt. Laut Glücksforschung sind wir darauf programmiert
unsere Erfüllung durch materielle Güter zu erhoffen. „Wenn wir eine neue
Welt wollen, dann muss mit dem Unbewussten der Menschen kommuniziert
werden und dafür muss man drastische Wege einschlagen“ meint Dr. Harald
Hutterer, Glücksforscher, dazu. Wir brauchen eine
„Higher-future-self-Perspektive“, eine Vision von Utopia mit einem Wort.
Und wir sollten langsam alte Werte durch neue ersetzen. Den neuen Wert
von Unterstützung, sozialer Sicherheit und wertschätzende Begegnung in
einer Gemeinschaft etwa. Dass Geiz eigentlich nicht geil ist sondern
teilen eigentlich mehr Freude macht. Die Selbstbestimmung bei der
Arbeit, mitreden können, Verantwortung übernehmen, das macht viel
Lebensqualität aus und das erkennen auch schon sehr viel (ausgebrannte)
Menschen und streben Selbstverwirklichung durch Kreativität und nicht
durch Konsum an. Bestehende Gemeinschaften haben auch gezeigt, dass es
wichtiger ist ganz viel zu kommunizieren als Regeln aufzustellen,
dadurch ergeben sich Gestaltungs- statt Blockademöglichkeiten auf Basis
von Konsens und Betroffenheit.
Die fundamentale Grundlage jeder Gemeinschaft muss ein
gleichberechtiger Zugang zu Ressourcen und Grundbesitz sein und das
wären dann aber auch gleich die ersten Schritte für eine nachhaltige
Weltgesellschaft.
Die Zukunft könnte also in immer mehr kleinen Ökodörfern beginnen.
„Gemeinschaft ist ein Kreis von Menschen, die sich kennen und
annehmen und die sich in ihrem Wachstum gegenseitig unterstützen -
Menschen, die sich vertrauen und einen Teil ihrer Lebensenergie einem
größeren Ganzen widmen. (Corinna Felkl/Sieben Linden). www.oekonews.at
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