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Exit. Wohlstand ohne Wachstum Drucken E-Mail

Das Glücks- und Heilsversprechen von Ländern wie Deutschland und anderen ist das immerwährende Wachstum der Wirtschaft und die Mehrung materiellen Wohlstands. Hiervon hängt das Wohl und Wehe dieser Gemeinwesen ab. In den Worten der Kanzlerin: "Ohne Wachstum keine Arbeitsplätze, keine Gelder für die Bildung, keine Hilfe für die Schwachen". Selbst die freiheitlich demokratische Ordnung gilt als gefährdet. Kurz: Ohne Wachstum ist alles nichts.

 

41m1opqlhul._ss500_.jpg Doch dieses Glücks- und Heilsversprechen lässt sich nicht länger einlösen. Nicht nur sind Wirtschaftswachstum und materielle Wohlstandsmehrung in zahlreichen Ländern schon vor geraumer Zeit ins Stocken geraten. Noch schwerer wiegt, dass sie auf Voraussetzungen beruhen, die immer weniger gegeben sind. Zu ihnen gehören: Reichlich preiswerte Rohstoffe, namentlich Energieträger, kostengünstige Möglichkeiten der Entsorgung, wenig globale Konkurrenz, vor allem aber junge, unverbrauchte, hungrige und risikobereite Bevölkerungen, die in der Mehrung ihres materiellen Wohlstands einen Großteil ihres Lebenssinnes sehen.

Damit stehen Wirtschaftswachstum und materielle Wohlstandsmehrung in den früh industrialisierten Ländern zunehmend auf tönernen Füßen. Denn der irreversible Verbrauch natürlicher Ressourcen, die Belastung der Umwelt, der Verschleiß von Mensch und Gesellschaft sowie die zügellose öffentliche und oft auch private Verschuldung, die die wirtschaftliche Entwicklung jahrzehntelang vorangetrieben haben, stoßen auf kaum überwindbare Grenzen.

Das verdeutlicht nicht zuletzt die derzeitige Krise, die eine Folge von Exzessen ist, ohne die das Wirtschaftswachstum während der zurückliegenden Jahre recht bescheiden gewesen wäre. Anders gewendet: Unser derzeitiger materieller Wohlstand hat große Ähnlichkeit mit dem Wohlstand von Menschen, die ihre Rechnungen (gegenüber Umwelt und Natur) hartnäckig nicht beglichen und sich auch darüber hinaus noch hoch verschuldet haben. Jetzt schreibt der Wirt nicht mehr an und die übrigen Gläubiger geben ebenfalls keine weiteren Kredite.

Dies erzwingt eine voraussichtlich recht lange Phase der Konsolidierung, die mit spürbaren Einbußen materiellen Wohlstands einhergehen wird. Wohlgemerkt: Dies ist kein Verzichtsappell und kein Plädoyer gegen Wirtschaftswachstum und materielle Wohlstandsmehrung. Was ohne Schaden für Mensch, Natur und Umwelt wachsen kann, soll wachsen. Aber das wird zumindest in den hoch entwickelten Ländern nicht viel sein. Darauf gilt es sich einzustellen.

Konkret: Politik, Wirtschaft und die Gesellschaft insgesamt können nicht länger auf Wachstum als universellen Problemlöser setzen. Vielmehr müssen sie unverzüglich Strategien entwickeln, wie auch bei Stagnation und Schrumpfung Arbeitsmärkte funktionsfähig, Sozialsysteme verlässlich, Finanzen solide und die Demokratie stabil bleiben. Und die Bürger dürfen ihre Lebenszufriedenheit nicht länger von der Mehrung ihres materiellen Wohlstands abhängig machen. Das alles ist möglich und machbar. Es muss jedoch gezielt angesteuert werden.

Absehbaren materiellen Einbußen können und sollen immaterielle Zugewinne gegenüberstehen. Dann wird das Leben der Menschen nicht ärmer, es kann sogar reicher werden. Es eröffnet Chancen, die eine weitgehend auf Materielles fokussierte Gesellschaft nicht bieten kann. An die Stelle des bisherigen Schneller, Höher und Stärker tritt das Verantwortungsvollere, Bewusstere und Nachhaltigere. Eine durch Letztere geprägte Gesellschaft dürfte menschengemäßer und erfüllender sein als die derzeitige.

Meinhard Miegel, Exit.Wohlstand ohne Wachstum,
Propyläen Verlag, Berlin 2010, 304 S., ISBN 978-3-549-07365-0, 22,95 €


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