Geld,
Gewinn und Gewissen. Die GLS Bank mit Sitz in Bochum bringt Begriffe
zusammen, die sich woanders mitunter ausschließen. So werden hier
Geldgeschäfte ausschließlich unter ökologisch- und ethischbasierten
Grundvoraussetzungen aktiviert. Im Rahmen der Jahreshauptversammlung am
15. Juni sprach Sabine Raiser mit Pressesprecher Christof Lützel über
die Möglichkeiten, mit Gewinn Gutes zu tun.
Die rund 54.000 Kunden und Kundinnen vertrauten der Bank im letzten
Geschäftsjahr etwa 560 Millionen Euro an. Das entspricht einem Zuwachs
von 19 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im Jahre 2006 betrug das
Geschäftsvolumen 856 Millionen Euro. Die vor 33 Jahren gegründete Bank
wuchs in den vergangenen Jahren jeweils um 12 bis 20 Prozent.
Raiser:
Herr Lützel, sind Sie mit dem Geschäftsjahr zufrieden?
Lützel:
Ja, wir sind sehr zufrieden. Gerade heute gab es einen
interessanten Artikel in der Frankfurter Rundschau, aus dem hervor
geht, dass in der letzten Zeit ein beachtlicher Bewusstseinswandel
stattfindet. Besonders ist dieser im Bio-Boom zu bemerken.
Bio-Lebensmittel, Bio-Kosmetik aber auch die öffentliche, breit
angelegte Diskussion über den Klimawandel zeugen davon. Den Klimawandel
haben wir ja auch in der diesjährigen Jahreshauptversammlung mit
prominenten Sprechern wie Professor Dr. Graßl, Klimaforscher und
Professor Dr. Ulrich Köpke, Universität Bonn zum Thema gemacht. Von
diesem Strom des Bewusstseinwandels profitiert auch die GLS Bank. Die
Menschen machen sich mehr denn je Gedanken, wie sie ihr Geld bewusst
anlegen können.
Raiser.
Gibt es einen Bereich, den Sie als Wachstumsmotor benennen können?
Lützel:
Die GLS Bank hat durchschnittlich zehn Bereiche. Das sind unter anderem
der ökologische Landbau und der damit verbundene Naturkost-Handel mit
seinen Läden, Fairer Handel, regenerative Energien, der Wohnbereich,
der Schulbereich mit seinen freien Einrichtungen, aber auch der
Sozialbereich mit heilpädagogischen Einrichtungen. Hier haben wir
Steigerungsraten von rund 20 Prozent. Das Wachstum ist gut verteilt,
wobei man sagen kann, dass der Naturkostbereich besonders anzieht.
Dieser Trend ist auch gut verteilt auf die Bereiche Kreditvergabe sowie
den Einnahmen. Die Menschen wollen verstärkt wissen, wohin ihr Geld
geht und was damit geschieht. Diese Information bekommen unsere Anleger
über das Kundenmagazin Bankenspiegel. Da sehen sie, was mit ihrem Geld
geschieht. Ganz konkret erfahren sie, in welche Firmen wir investieren,
wo die Standorte sind und was sie produzieren. Die Kreditnehmer wissen
das auch und sind damit einverstanden. Dadurch entstehen Transparenz,
Qualität und Vertrauen. Und nicht zuletzt eine Beziehung zwischen
Einlagekunden und Kreditkunden. Das hat in dieser Form noch keine
andere Bank gemacht.
Raiser:
In den letzten Wochen war, im Zusammenhang mit dem
Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus, viel die Rede von Klein- und
Kleinstkrediten. Wie stehen Banken hier in Deutschland, wie steht die
GLS Bank dazu?
Lützel:
Wir als GLS Bank haben uns auch hier deutlich profiliert. Vor etwa zwei
Jahren haben wir das Mikrofinanzinstitut Deutschland gegründet. Der
Geschäftsführer sitzt im Haus der GLS Bank in Bochum. Wir waren die
ersten und einzigen, die Klein- und Kleinstkredite an Kleinunternehmen
vergeben haben. Das war ja das Erstaunliche, dass ein Hochfinanzland
wie Deutschland keine Kleinstkredite vergeben hat. Auch heute ist das
noch nicht Gang und Gäbe. Das ist den Banken zu teuer. Denn der
Verwaltungsaufwand für einen Kredit in Höhe von 2.000 Euro ist ähnlich
hoch wie der für einen Kredit in Höhe von 500.000 Euro. Bei den
vergleichsweise hohen Personalkosten rechnet sich das nicht und wird
daher auch nur ungern gemacht. Wir konnten das nur deshalb in Angriff
nehmen, weil wir dafür extra einen Fonds aufgelegt haben. Daraus können
die Kleinstkredite vergeben werden. Über den normalen Bankbetrieb
könnten wir das auch nicht leisten. Die Mikrokredite werden auch nicht
über die Bank direkt vergeben, sondern über unsere Kompetenzzentren.
Raiser:
Wer sind denn in Deutschland Kleinstkreditnehmer?
Lützel:
Das sind zum Beispiel Menschen, die arbeitslos geworden sind und die
aus der Arbeitslosigkeit mit eigner Anstrengung hinaus wollen, aber für
sich erkannt haben, dass das über den normalen Weg nicht so läuft. So
sind wir 2005 auch angetreten, weil wir diesen Menschen helfen wollten,
neue Perspektiven umsetzen zu können, ihnen mit diesen kleinen Krediten
Rahmenbedingungen zu geben, mit denen sie aus eigener Kraft neue Wege
gehen können und nicht in die Falle von Langzeitarbeitslosigkeit &
Co geraten.
Raiser:
Können Sie uns ein Beispiel geben?
Lützel:
Ja. In Berlin hatten wir eine junge Dame, die die Idee hatte, für
private Feste wie Hochzeiten, Geburtstage, Taufen oder Trauerfälle
selbst gebackene Kuchen und Torten nach Wunsch anzubieten. Das
entwickelte sich großartig, so dass sie später auch für öffentliche
Events diese Dienstleistung erbringen konnte. Das andere war ein junger
Mann, der sich T-Shirts kaufte und diese mit individuellen
Wunschmotiven bedruckt hat.
Raiser:
Wie hoch sind die benötigten Kredite für solche Geschäftsideen wie die mit den Kuchen?
Lützel:
Durchschnittlich liegen diese Kredite bei 5.000 bis 10.000 Euro. Die
Obergrenze ist bei etwa 12.000 Euro. Wir hatten auch schon mal einen
Kreditwunsch von nur 4.000 Euro. Zum Teil haben sich da schöne kleine
Firmen entwickelt.
Raiser:
Wie bekommt man konkret einen solchen Kleinstkredit?
Lützel:
Diese Kleinstkredite bekommt man über die Kompetenzzentren. Daher ist
es auch wichtig, dass der Kreditnehmer in der Nähe eines solchen
Kompetenzzentrums arbeitet. Denn hier wird er beraten und im Verlauf
betreut. Die Berater fahren auch schon mal in den neuen Betrieb und
schauen, wie es läuft. Der Kreditnehmer wird nicht alleine gelassen. Es
ist ja davon auszugehen, dass er kein Profi-Unternehmer ist und daher
viele potenzielle Fallen gar nicht vorhersehen kann. Einen solchen
Aufwand kann und wird sich eine normale Bank gar nicht leisten. Das ist
so kundenfreundlich und einzigartig, dass wir natürlich mehr Anfragen
haben, als wir aus dem Fonds bedienen können.
Raiser:
Bieten Sie neben Fonds und Krediten auch ein normales Sparbuch oder Sparbriefe an?
Lützel:
Ja. Seit 2003 haben wir unsere Angebotspalette aufgestockt und bieten
auch Sparbriefe und Sparkonten an. Das heißt, die Kunden können mit
kleinem Geld bei uns einsteigen. Damit können sie bei ihrer Anlage
immer auch mit entscheiden, wohin ihr Geld geht. Ganz gleich wie hoch
die Einlage ist. Die Kunden können entscheiden, ob sie den Bereich
regenerative Energien oder Bio-Lebensmittel oder reformpädagogische
Einrichten mitfinanzieren wollen. Unsere Anleger kreuzen einen Bereich
an und dahin fließt ihr Geld. Das ist neben der Transparenz ein
weiterer Pluspunkt. Das ist auch möglich, ohne einen größeren Betrag in
Fonds anzulegen. Und vor allem mit hundertprozentiger Rückgabegarantie
plus kleinen Zinsbeträgen. Das ist interessant für
sicherheitsorientierte Kunden, die keine Fonds wollen. Jeder Fonds ist
ja immer auch von der Entwicklung der Börsen abhängig - im Guten wie im
Schlechten.
Raiser:
Das aktuelle Thema der Düsseldorfer Initiative „3 Jahreszeiten –
Wirtschaft im Wandel“ heißt „Geld – Gewinn – Gewissen“, ein Dreiklang,
zu dem Ihnen als Pressesprecher der GLS Bank sicher auch ein passender
Schlusssatz einfällt.
Lützel:
Ja, gerne. Wir als Bank verdienen natürlich Geld und machen zum Glück
Gewinne. Gute Gewinne, keine Frage. Und wir gehen anders mit Geld um.
Deshalb erzielen wir Gewinne, ohne das Gewissen zu belasten. Im
Gegenteil, könnte man sagen. Weder das Gewissen der Bank-Mitarbeiter
wird belastet noch das der Kreditgeber. Ich stehe voll hinter jedem der
rund 4.000 Kredite, die wir derzeit vergeben haben. Da ich im
Redaktionsteam des Bankenspiegels bin, habe ich einen guten Einblick
darüber. Als Schlusswort lässt sich sagen, dass es sehr wohl möglich
ist, gute Gewinne zu erzielen und dabei in jeder Hinsicht ein gutes
Gewissen zu haben. Es ist wie so oft der Umgang mit einer Sache, der
ihren Wert ausmacht.
Raiser:
Herr Lützel, ich bedanke mich für das Gespräch und wünsche Ihrem Haus und Ihren Kunden weiterhin viel Erfolg.
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