"Peak Oil" ist der Begriff, der die fundamentalen Änderungen unserer Art zu Wirtschaften und zu Leben, in ein Wort packt. Peak Oil bedeutet: Der Höhepunkt der Erdöl-Förderung ist erreicht.
Die Erdöl-Produzenten schaffen es nicht, die Erdöl-Förderung weiterhin
signifikant zu steigern. Sie fördern noch sehr viel, aber die
Förder-Geschwindigkeit erreicht ein Höchstmass, welches nicht mehr
wachsen kann.
Zeitgleich nimmt die Nachfrage nach Öl immer mehr zu. Die
Industrienationen wollen weiter wachsen und damit wächst ihre Nachfrage
nach all den Produkten, die Erdöl brauchen, um hergestellt zu werden:
Dünger, Farben, Chemikalien, Medikamente, Plaste - und natürlich: Heizöl
und Benzin, die Grundlage warmer Wohnungen und des Individualverkehrs.
Und all diese Produkte und Leistungen werden nach jahrzehntelanger
Aufholjagd auch von Milliarden Menschen in den ehemaligen
"Entwicklungsländern" erwünscht und steigern die Nachfrage nach Öl.
Peak Oil - aus ökonomischer Sicht.
Der Verkäufermark: Peak Oil verwandelt den Markt für Erdöl in einen Verkäufermarkt. Die
Nachfrage liegt über dem Angebot, was jeden Verkäufer in die
vorteilhafte Situation versetzt, zu nahezu jedem Preis nahezu jedes
Produkt zu verkaufen. Öl als Heiz-, Roh- und Treibstoff ist nicht von
jetzt auf gleich zu ersetzen, noch jahrelang werden einzelne
Wirtschaftsakteure abhängig von Öl sein und bleiben. Sie sind der
Willkür der Öllieferanten gnadenlos ausgesetzt und diese verdienen sich
eine goldene Nase an den abhängigen Kunden.
Marketing-Lexikon-Online.de definiert "Verkäufermarkt" trocken wie folgt: "Marktsituation, bei der die Marktmacht auf Seiten der Verkäufer liegt. Der Verkäufer diktiert also Preise, Konditionen, usw."
Das Wort "diktiert" erinnert nicht von ungefähr an das Wort "Diktatur" -
in beiden Situationen kommt der dem Diktator abhängig gegenüberstehende
Mensch in eine für ihn unvorteilhafte Situation. Dem Diktat zu
entkommen funktioniert nur, indem die Abhängigkeit verringert wird. Im
Fall von Peak Oil: Energieverbrauch drosseln, alternative
Fortbewegungsmittel entwickeln und nutzen, neue Verarbeitungs- und
Heizmechanismen forcieren, neue Energiequellen finden.
Rohstoffknappheit & Vernetztheit
Die Probleme der DDR schienen nach der politischen Wende 1989 wie aus
einer anderen Welt: Fehlende Rohstoffe und Materialien, um zu
produzieren - das konnte es nur im "Kommunismus" geben. Die steigenden
Rohstoff- und Erdöl-Preise seit der Jahrtausendwende zeigen jedoch, dass
Rohstoffe nichts sind, was im absoluten Übermass vorhanden und
jederzeit verfügbar ist. Für Metalle, Öl, Nahrungsmittel, Energie und
auch für weiterverarbeitete Materialien muss inzwischen ein Vielfaches
gezahlt werden, als man dies vom vergangenen Jahrhundert gewohnt war.
Und es ist keine Seltenheit mehr, dass Fabriken um die von ihnen
benötigten Rohstoffe "kämpfen" müssen. Ein Beispiel zeigt die FAZ, die
bei Kerzenherstellern einen Engpass bei der Lieferung zu Weihnachten
sieht (siehe: FAZ: Rohstoffpreise: Kerzenhersteller fürchten Engpass zu Weihnachten).
Paraffin, der Grundstoff jeder Kerze, ist quasi ein Abfallprodukt der
Benzinherstellung aus Erdöl. Seitdem die Ölpreise explodieren lohnt es
sich für die Raffinerien, auch diese Abfallprodukte nochmal
weiterzuverarbeiten anstatt sie den Kerzenherstellern billig zu
überlassen. Die zunehmende Nachfrage nach Konsumgütern in allen Teilen
der Welt tut ihr übriges.
Drei Dinge müssen in dem Zusammenhang betont werden:
- "Die Grenzen des Wachstums", der berühmte Bericht an den Club of
Rome, warnte schon in den 1970ern, dass das ökonomische System nicht
ewig wachsen könne sondern Engpässe auf verschiedenen Ebenen der
Wirtschaft auftreten würden. Die Schätzungen des Club of Rome, wann
diese Situation eintreten würde, hat sich nicht als richtig erwiesen,
die Grundtendenz einer Wachstumsgrenze wird nun aber langsam deutlich.
- Die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte haben hunderte Millionen
Menschen in das Industriezeitalter katapultiert und ihren Lebensstandard
massiv angehoben. Doch noch immer leben Milliarden Menschen mit einem
viel geringeren Wohlstandsniveau, als Europäer oder US-Amerikaner.
Würden alle Menschen auf unserer Erde dasselbe Wohlstandsniveau wie
Europäer anstreben, so bräuchten wir 3 Planeten, bei einem
Wohlstandsniveau auf Höhe der US-Amerikaner wären es 5 Planeten (siehe Konzept "Ökologischer Fußabdruck")
- Die Vernetzung unserer Welt tritt deutlich zutage: Dass das
christliche Weihnachtsfest von steigenden Preisen eines vor allem in der
arabischen Welt unter der Erdkruste vorkommenden Rohstoffs abhängig
ist, macht das Beispiel der Kerzenherstellung deutlich - da der
Kerzenrohstoff Paraffin als Nebenprodukt der Ölverarbeitung anfällt. Von
Peak Oil sind noch wesentlich mehr wirtschaftliche als auch soziale und
(über den CO2-Ausstoss) auch ökologische Belange betroffen: Alles ist
mit allem vernetzt und es ist nicht möglich, dass sich ein Bewohner
dieses Planeten so verhält, als ginge ihn die Entwicklungen in anderen
Gegenden oder anderen Lebensbereichen nichts an.
Neue Wirtschaft, Neues Denken
Peak Oil zwingt uns, unsere Art zu Wirtschaften aus neuen Blickwinkeln
zu betrachten. Einerseits müssen wir Wirtschaft so organisieren und
strukturieren, dass wir unabhängig(er) von fossilen Rohstoffen wie Erdöl
werden. Nachwachsende Rohstoffe, dezentrale Energiesysteme und eine
regional orientierte Kreislaufwirtschaft können hierfür erste
Anhaltspunkte sein. Andererseits müssen wir unser Denken selbst an
diesen Entwicklungen ausrichten: Wir müssen lernen, vernetzt zu denken.
Peak Oil wirkt nicht nur auf dem Ölmarkt, indem dort die Preise steigen,
sondern es wirkt auch auf die Preise anderer Märkte, bei denen Öl
beispielsweise Produktionsbestandteil oder Versorgungsmittel ist (z.B.
am Automarkt, am Energiemarkt, am Lebensmittelmarkt, am Transportmarkt).
Doch nicht nur steigende Preise sind ein Problem, auch die
grundsätzliche Verfügbarkeit wird fraglich, weshalb auch die
Verfügbarkeit aller Produkte, die auf Öl basieren, in Frage steht. Und
was für den Rohstoff Öl gilt, gilt praktisch für alle anderen Rohstoffe
ebenso und es wäre sinnvoll, sich nicht abhängig von Rohstoffen zu
machen, die in absehbarer Zeit nicht mehr verfügbar sein werden.
Hierauf müssen wir Antworten finden, die einerseits theoretischer Natur
sind, andererseits ganz konkret ins praktische, tägliche Handeln
hineingebracht werden können. Nicht für jedermann ist Selbstversorgung
eine Option, aber jedermann will leben. Unsere Wirtschaft und unsere
Gesellschaft neu zu denken ist die Herausforderung des 21. Jahrhunderts.
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