Knapp
nach dem Jahreswechsel 2008 ist der Preis für ein Barrel Rohöl auf die
100-Dollar-Marke geklettert. Experten haben schon im Vorfeld vor einer
solchen Preisentwicklung gewarnt, die anscheinend keine Grenze nach
oben kennt. Immer lauter wird der Ruf nach einer stärkeren Fokussierung
auf erneuerbare Energieträger. Doch die tatsächliche Entwicklung lässt
offensichtlich zu wünschen übrig.
Energiekrise: "OPEC im Vergleich zur Shanghai-Gruppe wie Trachtenverein"
Buchautor und Filmer Hans Kronberger über die Zukunft der
Energieversorgung. pressetext hat mit dem Energieexperten, Buchautor
und Journalisten Hans Kronberger ein Interview über die Zukunft der Energieversorgung geführt.
pressetext: Wir sind heute immer noch zum Großteil von fossilen
Brennstoffen abhängig. Wie steht es generell um die Energiezukunft auf
der Welt und wie sehen Sie die Entwicklung?
Kronberger: Die fossilen Energieressourcen gehen
wesentlich schneller zu Ende als versucht wird uns einzureden. Bereits
im Jahre 2006 dürfte der so genannte Oilpeak,
also jener Zeitpunkt, an dem die Hälfe der leicht verfügbaren
Ölreserven verbraucht worden sind, überschritten worden sein. Die seriöseren Studien
zu dieser Frage bestätigen dies. Es fehlt den Regierenden an Phantasie
angesichts der potenziellen Folgen einer Situation, wo die Nachfrage -
nicht zuletzt durch die Wirtschaftsexplosion in Indien und China -
überproportional steigt und das Angebot täglich schrumpft. Die
Nachfrage und die Angebotskurve bewegen sich dramatisch voneinander
weg. Der Preis wird weiter aus den Fugen geraten. Die 100-Dollar-Marke
des Rohölpreises ist eher als noch moderate Zwischenstufe auf dem Weg
nach oben zu sehen.
pressetext: Welche Rolle spielen Russland und China angesichts der angespannten Situation?
Kronberger: So gut wie unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit hat
sich die gesamte Weltordnung - und Ordnung ist in diesem Fall als
Synonym für Macht zu sehen - still verändert.
Die
Shanghai-Gruppe angeführt von Russland, das sich innerhalb von ein paar
Jahren vom maroden postsowjetischen Elendsstaat zu einer Macht mit
einem frei konvertierbaren Rubel entwickelt hat, ist drauf und dran mit
China und Indien einen Verbund aufzubauen, gegen den sich die OPEC
bestenfalls als kleiner Trachtenverein ausnimmt.
(Link: Putin nimmt Europa in die Zange)
Die "bösen Buben", die in Südamerika regieren, werden ebenso wie der
Iran, einer möglichen internationalen Stallorder nach einer moderaten
Energieversorgung der Industriestaaten kaum Folge leisten. Europa ist
besonders schlimm dran. Derzeit ist es bereits zu 56 Prozent
fremdenergieabhängig und bis 2020 wird sich diese Abhängigkeit bei
gleichbleibender Energiepolitik auf 70 Prozent erhöhen - das heißt den
Kopf in die Guillotine der Lieferländer zu legen und zu hoffen, dass
keinem das Fallbeil ausrutscht.
pressetext: Sind die höheren Preise nicht ein Garant dafür, dass die Versorgung mit Energie gesichert ist?
Kronberger: Selbst bei gutem Willen ist die Versorgung mit fossilen
Energieträgern keinesfalls gesichert. Gerade kommen wieder Meldungen
aus Russland, dass es interne Versorgungsprobleme mit Erdgas gibt. Wer
heute noch auf fossile oder atomare Energieträger setzt, setzt auf ein
totes Pferd. Die Frage lautet nicht fossile Energieträger oder
Erneuerbare, sondern nur: Wie ist es möglich, möglichst rasch und
unbeschadet den Weg aus dem Zeitalter der überholten und zu Ende
gehenden Energieformen in das neue saubere und nachhaltige zu gehen.
Einen dritten Weg gibt es nicht. Wer glaubt einen zu kennen, möge
aufzeigen.
pressetext: Vielfach hört man allerdings das Argument,
dass erneuerbare Energien gar nicht in der Lage sind, den
Energie-Bedarf zu decken.
Kronberger:
Natürlich sind die Erneuerbaren mittelfristig in der Lage die Welt zu
versorgen. Es bedarf der politischen Rahmenbedingungen und einer klugen
und effizienten Aufbringung und Vernetzung. Am einfachsten ist es in
der Wärme- und Stromversorgung, am schwierigsten bei der Mobilität. Es
gibt jetzt kein Einheitsrezept für jedes Land, da die regionalen
Gegebenheiten ausschlaggebend sind, aber die erneuerbare Energiemenge
ist überall vorhanden. Das Hauptargument ist, dass sich der Preis mit
der weiteren Verknappung und einer breiteren Fertigung der Techniken
relativ schnell relativieren wird.
pressetext: Wie sehen Sie die Stimmungsmache etwa
seitens der österreichischen E-Control im Bezug auf Erneuerbare?
(Anmerkung: Die Aufgabe der E-Control, die vom Gesetzgeber eingerichtet
wurde, hat den Zweck die Umsetzung der Liberalisierung des
österreichischen Strom- und Gasmarktes zu überwachen, zu begleiten und
gegebenenfalls regulierend einzugreifen.)
Kronberger: Große deutsche Energieversorger gestehen
heute schon ein, dass ihre Preiserhöhungen nur deshalb so moderat
ausfallen können, da sie über einen höheren Anteil an erneuerbaren
Produktionsanlagen verfügen. Die Position der E-Control gegen die
Erneuerbaren ist mit den internationalen Erfahrungen nicht im Einklang
und mit den Zukunftsszenarien schon gar nicht. Diese Institution
disqualifiziert sich von selbst.
pressetext: In Deutschland wirbt das Atomforum mit Plakaten einer
idyllischen und intakten Umwelt für den Ausbau der Atomkraft, die
angeblich CO2-neutral ist. Das Deutsche Atomforum hat für den
Missbrauch der öffentlichen Sorge um den Klimawandel zur Imagepflege
für die Atomenergie sogar den "Worst EU Greenwash" Award bekommen. Wie
sehen Sie das?
Kronberger:
Die Gefahr bei der Atomenergie besteht
nicht darin, dass sie sich langfristig durchsetzen könnte, denn sie
leidet unter exakt dem gleichen Rohstoffmangel wie die fossilen
Energieverwerter. Ich gehe davon aus, dass dies auch die Atomindustrie
weiß.
Aber es geht um die Umleitung der Forschungs- und Fördergelder in eine
nicht zukunftstaugliche Technik. Das aktuelle Risikopotential eines
Supergaus verringert sich dadurch nicht. Außer in Österreich gibt es
kein sicheres Kraftwerk, geschweige denn eine Endlagerstätte. Bei der
Atomrenaissance geht es ausschließlich um kurzfristige Profite eines
Industriezweiges, der seine Zukunft schon hinter sich hat, zumindest in
der zivilen Nutzung.
pressetext: Wie beurteilen Sie die gesetzlichen Rahmenbedingungen für erneuerbare Energien in Europa?
Kronberger: Die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind
angesichts der Dringlichkeit des Problems noch überall unzureichend.
Deutschland ist mit dem EEG sicherlich ein richtiger Schritt in die
richtige Richtung gelungen. Über 40 Staaten der Erde, inklusive das
viel zitierte China haben das Modell übernommen. Die Ergebnisse geben
den Erfindern Recht. Österreich steht nach wie vor stumm in der
Landschaft herum und bringt absolut nichts Brauchbares zu Wege. Die
Folgen werden in einem größeren volkswirtschaftlichen Schaden messbar
werden. Die verantwortlichen österreichischen Politiker zementieren
Österreich in der Energiesteinzeit ein.
pressetext: Im Zusammenhang mit der Verteuerung der
Treibstoffpreise hat sich die EU auf das Thema "Biotreibstoffe" und
eine Beimengung dieser kapriziert. Sind Biotreibstoffe tatsächlich bio?
Kronberger: Bio im Sinne der Lebensmittelproduktion
heißt frei von Düngemitteln und Pestiziden. Dies ist bei der
Pflanzenproduktion für Treibstoffe nicht so, daher ist der Begriff in
diesem Zusammenhang grundsätzlich irreführend. Es bedarf einer
ausgewogenen Abschätzung, wo es Sinn ergibt "Biosprit" zu produzieren
und wo nicht. Aber ein simples Aufrechnen zwischen
Lebensmittelproduktion und Treibstoff ist Propaganda. Tatsächlich
möchte ich allerdings festhalten, dass Biomasse in der
Energieproduktion der Zukunft eine tragende Rolle spielen wird.
pressetext: In der Diskussion um die Ölvorräte wird
immer wieder davon gesprochen, dass die Lagerstätten noch mindestens 40
Jahre lang ausreichen.....
Kronberger: In den vergangenen sieben Jahren hat sich
der Ölpreis von zehn auf 100 Dollar entwickelt. Dies wäre nicht
möglich, wenn die Vorräte noch vierzig Jahre halten würden. Es kann
schon sein, dass man in vierzig Jahren noch irgendwo unter
irgendwelchen Bedingungen Öl herauspresst, aber für eine breite
Mobilität wird es mit Sicherheit nicht reichen. 40 Jahre ist eine
völlig überzogene Vorstellung.
pressetext: Was wünschen Sie sich als Ökostrom-Experte für die kommenden Jahre?
Kronberger: Es wäre zu wünschen, dass sich die breite Erkenntnis
durchsetzt, dass die Energieversorgung das zentrale Problem des 21.
Jahrhunderts ist und dass es einer kollektiven Kraftanstrengung bedarf,
dieses Problem nachhaltig - das heißt auch unter Berücksichtigung der
Bedürfnisse auch kommender Generationen - zu lösen.
pressetext: Vielen Dank für das Gespräch.
Link Tipp: Konzeptstudie neuer, alternativer Energien
Quelle: pressetext.austria
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